Chronik

Ein Dudelsack wird heimisch

„... wieso Schnapsidee?“ – „Aufnahme, wir wiederholen bitte!“ – „Herr Kohlhaus, Sie sind der Begründer von Musica Variata, einem Ensemble, das wahrlich aus einer außergewöhnlichen Klangkombination besteht. War es nicht doch eine Schnapsidee, den Dudelsack ...“ – „Auf keinen Fall! Die Tradition des Sackpfeifenspiels wieder in das heutige Konzertleben zu integrieren – also quasi hoffähig zu machen –, ist für mich keine Schnapsidee.“ – „Ach ja, so war das damals, 19 ...“

Drohte der Anfang eines Interviews in einem Diskurs zu enden.

Gut, dass der redaktionelle Mitarbeiter des Westdeutschen Rundfunks Köln nicht wusste, dass diese Idee tatsächlich in einer Lokalität ausgebrütet worden war – und das auch noch in Düsseldorf!

Vielleicht hätte er die aus künstlerischer Sicht provokativ empfundene Frage: „Altbier-Einfall?“ genannt, fand doch dieser Dialog in der romanischen Apostelkirche im urbanen Herzen von Köln statt und war Bestandteil einer kurzen TV-Dokumentation über Musica Variata, die, gewürzt mit Kostproben über unsere Musik, gleichzeitig eine Vorankündigung eines Konzertes im Altenberger Dom sein sollte; in jenem ökumenisch orientierten Gotteshaus, dass wegen seiner mannigfaltigen Konzertangebote zu den musikalischen Hochburgen des Bergischen Landes gehört und einen der imposantesten Klangkörper des weltweit bekannten Orgelbauers Johannes Klais beheimatet. Allein schon wegen dieser, aus Bonn stammenden Königin der Instrumente, wurde dieser Ort der Kreativität und Besinnung, für uns quasi zu einem Mekka des Konzertierens und gleich mehrerer Schallplatten- sowie CD-Einspielungen. Besonders in der Wirkungszeit des Domorganisten und von uns liebevoll geschätzten Kollegen Paul Wißkirchen entwickelten sich bei manchem Gastspiel emotionale Momente zwischen Publikum und Interpreten.

 

Nun aber zurück zum Aushecken bei lokalpatriotischem Gebräu.

An einem sommerlichen Frühabend im Jahre 1982 saß ich mit Klaus Glocksin, einem meiner Seelenverwandten, auf der Terrasse seiner von ihm gegründeten Kulturkneipe Salvete, gelegen in der ehemalig genannten „Alten Stadt und Freyheit zu Angermund“, im Norden Düsseldorfs.

In schwärmerischen Tönen erzählte er mir von seinen Fortschritten im Sackpfeifen- und Schalmeispiel, dass er nun endgültig den autodidaktischen Übepfad verlassen hätte. In der Tat war wieder die gewohnt friedliche Ruhe im heimischen Angermunder Wald eingekehrt, den er zwecks Schonung der Hausnachbarn vor seinen archaischen Tonfindungsprozessen als Trainingsgelände auserkoren hatte. Nun wurden keine Jogger und ähnliche Zwei- oder Vierbeiner mehr aufgeschreckt, erholte sich der Wildbestand, eroberte sich Klaus Glocksin – und das neben seiner Tätigkeit als Architekt und alleinerziehender Vater zweier Töchter – den Rang eines Pipe-Majors bei den renommierten Rhine Area Pipes and Drums und bereichert bis zum heutigen Tage das einzigartige Klangsprektrum unseres Ensembles durch ein klassisch folkloristisches Kolorit.

Die Rhine Area Pipes and Drums vor dem Kalkumer Schloss

Vom Brücken bauen

So wurde der launige Gedankenaustausch zum eigentlichen Gründungsgespräch. Doch sollten noch einige Jahre ins Land gehen, ehe sich jene Mitgliederkonstellation herauskristallisierte, die nun über 30 Jahre währt.

Winfried Kannengießer, ein ehemaliger Kommilitone und bis zum heutigen Tage Kantor der St. Suitbertus-Basilika zu Düsseldorf-Kaiserswerth, sollte helfen, die sogenannte „Idee“ zu verwirklichen.

Um es zu verkürzen: Am 26. Februar 1983 erschallte an dieser Wirkungsstätte eine Musik für Querflöte und Dudelsack, eingebettet von geschickt gezogenen Registern der Beckerrath-Orgel. Unser Wagnis erntete am Ende begeisterten Applaus.

Gewinnendes Lächeln nach Winfried Kannengießers Frage: "Habe ich noch Speisereste im Bart?"

Wer weiß, wie es mit uns dreien weitergegangen wäre, wenn Winfrieds geplante Familiengründung und sein straffer Kirchenmusikdienst weitere Teilnahmen an anstehenden Konzertreisen zugelassen hätten. Durch seinen Verzicht wurde Reiner Hellings, der damalige Organist der Marienkirche im Zentrum Düsseldorfs, sein Nachfolger. Dessen besonderes Können war es, Panflöte und Orgel gleichzeitig spielen zu können. Es kam in der relativ kurzen Zusammenarbeit zu einer ersten konservierten Einspielung des eingeschlagenen Weges.

... und die Panflöte erweiterte die folkloristische Klangfärbung

Reise nach Jerusalem

Dank guter Kontakte zur Düsseldorfer Musikszene und meiner flötistischen Gastspiele in diversen Orchestern, begann eine fruchtbare und lehrreiche Zeit beim Komponisten und Düsseldorfer Hochschuldozenten LKMD Prof. Oskar Gottlieb Blarr. Sein Wirken als Kirchenmusiker an der Neanderkirche in der Düsseldorfer Altstadt und die Programmgestaltungen der „Sommerlichen Orgelkonzerte“ mit ihren musikästhetischen Grenzgängen, gaben mir zusätzlich einen wegführenden Ansporn. Da erklang beispielsweise neben den selbstverständlich angebotenen Originalwerken publikumsanziehende Musik für Dudelsack und Orgel, Orgel plus Alphorn oder Panflöte. Amüsant, aber irgendwie auch verständlich, wie ein schreibender Vertreter des „reinen Werkes“ sich darüber in einer seiner Rezensionen echauffierte: „...wie soll das alles nur weitergehen? ... Etwa mit Kastagnetten und Orgel, ... Kanone und Orgel!“ So stand es sinngemäß in der Rheinischen Post, deren freier Mitarbeiter zu sein ich einmal die Ehre hatte.

Eigentlich war es eine Frage der Zeit, wann auch wir in einen ähnlichen Rezensionsstrudel des puristischen Fahrwassers geraten würden. Und ausgerechnet bei unserem Gastspiel innerhalb der oben genannten renommierten Konzertreihe bekamen wir die „volle Breitseite“ des RP-Kritikers, der sich auf unsere Werkauswahl eingeschossen hatte. „Zehn Zugaben und ein richtiges Stück“ lautete zwei Tage später die Überschrift seiner Besprechung.

Wir waren irritiert: Ein Kompliment als Ironie und gleichzeitig der Vorwurf kompositorischer Trivialität? Sollten wir indirekt dazu aufgefordert werden, den konzertanten Pfad anspruchsvoller Unterhaltung zu verlassen, obwohl wir schon ein breites Publikum erreicht hatten?

Nun, das Publikum der Neanderkirche zeigte seine Dankbarkeit; und wir wissen ja: der Stellenwert des Crossover war in seinen verschiedenen Facetten nicht mehr aufzuhalten!

Als „klassisches Eigentor“ empfanden wir seinen wohl witzig gemeinten Vergleich: Die Titelmelodie von „Lassies Heimkehr“ hätte mehr Tiefgang als der Drei-Strophen-Hymnus des in Amerika so beliebten „The Holy City“ von Stephen Adams.

Vielleicht hätte ich das in seinen Augen „einzig richtige Stück“, die Trois Mouvements von Jehan Alain für Querflöte und Klavier besser weggelassen, obwohl sich diese stilistisch in den Kontext unserer eigenen Werke bestens einpassten. Man beachte – auch sie wurden in einer anderen als der Originalfassung (nämlich mit Orgel) vorgetragen!

Dann kam im Frühjahr 1984 die Israel-Tournee mit Solisten, Chor und Orchester. Bei dieser ergaben sich – einmal von den unvergessenen Impressionen, die man bei einem Besuch dieses Landes besonders als Deutscher durchleben kann – gleich mehrere Schlüsselerlebnisse.

Vor allem ereignete sich eine in der Entwicklung unseres Ensembles gewinnbringende Bereicherung: Ludmilla Matters, Bratschistin der Düsseldorfer Symphoniker, wurde das vierte Mitglied; sie brachte nicht nur ihr Streichinstrument ein, sondern verlieh unserem Ensemble durch ihren wunderbar warm klingenden Sopran weitere orchestrale Impulse. Anlässlich des Mozart-Gedenkjahres 1991 komponierte Oskar Gottlieb Blarr für uns die Stufen zu Mozart für Sopran, Flöte und Orchester, die ein Vorspiel zu Mozarts Requiem darstellen. Als Welturaufführung erklangen die Stufen zu Mozart mit großem Erfolg im Kloster Knechtsteden.

Nach Reiner Hellings Weggang nach Norddeutschland übernahm Thorsten Pech, der damalige Kirchenmusiker der Stadtkirche Düsseldorf-Kaiserswerth, seine Rolle. Unvergessen bleibt in dieser Ära unsere erste Konzertreise in den Hochschwarzwald: wir folgten einer Einladung, an den „Internationalen Sommerkonzerten“ im Dom zu St. Blasien teilzunehmen. Und es sollte nicht das letzte Gastspiel in diesem für jeden Musiker beeindruckenden Ambiente gewesen sein – getreu dem Musikerspruch „Erfolg ist nicht nur, gut gespielt zu haben, sondern auch wieder eingeladen zu werden“.

Doch auch der dritte Organist im Bunde fand nicht die notwendige Zeit sich mit Hingabe dem Quartett zu widmen. Es begann für mich also erneut die Suche nach einem Grundlageninspirator der Harmonien.

Und dann kam er doch noch

Unser erster Produzent Dieter Heuler

Noch einen weiteren positiven Effekt brachte die Konzertreise durch Israel – einen Plattenvertrag beim österreichischen Label Koch Records International, den wir vom Produzenten der Klassikabteilung (Sitz in Düsseldorf) angeboten bekamen. Dieter Heuler hieß der Glücklich-Machende, zu dessen Vermarktungsstrategien es gehörte, neben den etablierten Standardwerken möglichst originelle Klangbesetzungen und Bearbeitungen zu veröffentlichen – da kamen wir gerade richtig!

Warum sollte ich ihn nicht einfach ansprechen, und warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Schließlich war der Plattenvertrag unterschrieben – allerdings unter der Auflage, zunächst nur instrumentale Titel einzuspielen.

Duo-Konzert der geistigen Väter

Ausgelöst durch eine überraschende Information machte ich mich deshalb am 2. Weihnachtstag 1984 auf, um den Kantor, Konzertpianisten und Dirigenten Heinz-Jacob Spelmans zu besuchen. Für mich war er ein musikalischer Überflieger und einer, dessen Welt sich größtenteils um das Klavier drehte. Als Pianist hatte ich ihn das letzte Mal bei seinem Abschiedskonzert in der Düsseldorfer Musikhochschule bewundern können, da sein Weg ihn in die Meisterklasse von Prof. Detlef Kraus an die Folkwanghochschule Essen führen sollte. Ob sich gerade er für meine Musik mit folkloristischem Hintergrund interessieren würde?

Ohnehin war Spelmans ein Glücksfall für die Gemeinde und den ansässigen Chor zu St. Agnes, denn seit seinem Dienstantritt 1975 erhielt das Konzertleben in Düsseldorf-Angermund nach und nach ein künstlerisch hochwertiges Niveau, was zahlreiche CD-Aufnahmen dokumentieren.

Festliches Chor- und Symphoniekonzert in der Basilika Kaiserswerth mit den Ensemble-Mitgliedern als Solisten.

Während des Besuchs und im Laufe unseres Gesprächs verzog sich beim Anhören der mitgebrachten Konzertmitschnitte zusehends seine Skepsis; er sah letztendlich meinen Köder des Kontraktes als künstlerisch reizvolle Aufgabe an. Eine Schnupperprobe wurde vereinbart und weitere Tests folgten; dies führte unter anderem dazu, dass den Spielpfeifenlöchern des großen Dudelsacks handwerklich manipulativ an die Holzsubstanz gegangen wurde. So verlor das Instrument sein traditionelles und oft belächeltes Image der schottischen Verstimmtheit, wurde ein seriös verwendbarer Klangkörper für die Kunstmusik und teilte die gleiche Prozedur der Aufwertung mit seinen engsten Verwandten der Lowland-Pipe und der Schalmei. Spätestens nach Spelmans ersten Kompositionen für unsere verschiedenen Besetzungen und gelungenen Bearbeitungen in Zusammenarbeit mit dem flötistischen „Vater“ des Ganzen, war nun jene personelle Konstellation von Musica Variata geboren, bei der auch die außermusikalische Chemie stimmt.

Dankbarkeit und Zukunft

Im übrigen wurde unsere erste Platteneinspielung, die später eine Neuauflage auf CD erfuhr, ein internationaler Erfolg und erhielt einen Preis, weil sie unter die Top 10 der gefragtesten klassischen Produktionen in den USA gewählt wurde. Bis heute erhält die Platte im Internet positive Nutzerbewertungen. Es wundert also nicht, dass Produzent Heuler schon der großen Verkaufszahlen wegen weiter Produktionen in die Wege leitete.

Musica Variata instrumental

Ob im Konzertsaal mit Chor und Orchester, in Kirchen oder in Salons – viele wunderbare und faszinierende Augenblicke des Konzertierens durften wir bisher erleben. Sei es der überwältigende Schlussapplaus im ausverkauften Dom zu St. Blasien, der rhythmische Beifall im Aachener Dom, welcher auch nach der dritten Zugabe nicht enden wollte; oder die Ehre gehabt zu haben, eine Priesterweihe im Kölner Dom musikalisch mitgestalten zu dürfen, wonach uns aus Historikerkreisen bestätigt wurde, dass erstmalig ein Dudelsack in der rheinischen Kathedrale erklungen war. Wir schafften es, bei Windstärke 9 auf der „MS Europa“ noch geradeaus zu spielen, begrüßten Bonner Politiker im Berliner Dom, bescherten das Kölner Publikum in ihrer Philharmonie bei einem Weihnachtskonzert und freuten uns, durch Benefizkonzerte die Kindernothilfe unterstützen zu können.

Gastspiel in der Kölner Philharmonie

Eine besondere Erwähnung wert sind unsere Gastspiele auf der Nordseeinsel Borkum. In 18 Jahren haben wir dort eine rekordverdächtige Anzahl von Konzerten gegeben. Zugegeben, die Johannes-Passion und der Kassenschlager Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach waren auch dabei – schließlich sind wir ja auch als Solisten, Orchestermusiker und Dirigenten unterwegs.

Viele amüsante Anekdoten wären noch zu erzählen – wir werden weiter berichten. Nun freuen wir uns auf weitere Kreativitäten. So viel sei verraten: Kompositorisch ist einiges in der Planung.

Zum Jubiläumskonzert stellen wir unser neues Ensemblemitglied vor. Ein herzliches Willkommen Leo Halsdorf, dem Solohornisten des Orchestre Philharmonique du Luxembourg!

Mit Dank für Ihr Interesse, verbleiben wir mit musikalischem Gruß

Ihre/Eure Musica Variata